Science und Fiktion

Ist die Zukunftsforschung eine seriöse Wissenschaft, nur bloße Science-Fiction oder schlimmer noch – lediglich Scharlatanerie?

Hierzu ein Essay von dem amerikanischen Autoren Isaac Asimow, der als studierter Biochemiker nicht nur Science-Fiction schrieb, sondern auch wissenschaftliche Abhandlungen. Sein Aufsatz „Die Zukunft des Futurismus?“ unterstreicht, dass er auch als Zukunftsforscher im modernen Sinne unterwegs war. 

Die Zukunft des Futurismus?
"1941 schrieb ich die erste einer Reihe von Geschichten, die sich zu der Foundation-Trilogie (Der Tausendjahresplan; Der galaktische General; Alle Wege führen nach Trantor) entwickelten.
Darin erfand ich eine Wissenschaft, der ich den Namen „Psychohistorie“ (Anmerkung: hier eigentlich als „Psychogeschichte“ übersetzt, aber der in den deutschen Roman ist die „wissenschaftlichere“ Ausdrucksweise geläufiger) verlieh – die statistische Untersuchung soziologischer Trends, bei der mathematische Techniken verwendet werden, die den heutigen weit überlegen sind, denn die Handlung war viele tausend Jahre in die Zukunft verlegt. Wie ich es damals erzählte, konnte die Psychohistorie mit einem hohen Genauigkeitsgrad die allgemeine soziale Entwicklung in der Zukunft voraussagen, obwohl die Handlungen des Individuums weiter unvorhersehbar blieben.
Ich entwickelte dieses Konzept nicht völlig ohne Grundlage. Ich dachte dabei an die kinetische Theorie der Gase: Eine beliebige Menge Gas besteht aus Millionen und aber Millionen von Molekülen, die sich alle in beliebiger Richtung in beliebiger Geschwindigkeit bewegen und auf beliebige Art von ihren Nachbarn abprallen. Wird jedoch diese Bewegung mathematisch analysiert, so ergibt sich ein absoluter Determinismus. Wir wissen ganz genau, was mit dem Gas passiert, wenn wir es komprimieren, expandieren, erhitzen oder abkühlen. Die beliebige Bewegung der einzelnen Moleküle ergibt bei der Gesamtmenge des Gases ein genau vorausberechnendes System.
Daran dachte ich, als ich in der Foundation-Trilogie erklärte, dass Psychohistorie nur dann einigermaßen genau sein könne, wenn die Handlungen von sehr, sehr vielen Menschen analysiert würden, sodass die Unvorhersehbarkeit der Individuen mit der Masse verschmelzen und verschwinden würde. So würde der persönliche Wille (die beliebige Bewegung, wenn Sie so wollen) erhalten bleiben, aber die allgemeine Richtung der Veränderung würde vorhersehbar.
Zweitens wären die Aussagen der Psychohistorie nur dann korrekt, wenn die breite Bevölkerung sie nicht kennt, damit ihr Verhalten wirklich zufällig bleibt.
Die Psychohistorie in meiner Trilogie wurde vor dem gigantischen Hintergrund eines galaktischen Imperiums von Millionen von Welten und Billionen von Menschen angewandt; vor dem Zusammenbruch dieses Imperiums und in dem düsteren Zeitalter, das darauf folgte. Weil ich damals noch jung und ehrgeizig war, gelang es mir, diesen Geschichten genug Plausibilität zu verleihen, um in ihnen die hoffnungsvollen Träume meiner Leser einzufangen.
Als Ergebnis davon erhielt ich viele Briefe von Lesern, die davon überzeugt waren, dass ich auf dem Gebiet der Psychohistorie Forschung betrieben hätte, und um weitere Einzelheiten baten.
Ich musste ihnen allen antworten, dass es eine solche Wissenschaft nicht gibt und wahrscheinlich auch nie geben werde. Ich musste ihnen erklären, dass ich das alles damals, 1941, einfach erfunden hatte.
Doch dann hatte ich vor einiger Zeit eine Unterhaltung mit meinem Neffen Daniel Asimow, einem Professor für Mathematik. Sein Forschungsgebiet war die Geometrie gewesen – die Untersuchung der Eigenschaften geometrischer Körper, die sich nicht verändern, wenn die Körper in ihrer Form verändert werden. Es ist ein faszinierendes Gebiet, aber er ist eifrig auf der Suche nach etwas, das sich als noch faszinierender erweisen könnte.
Er dachte daran, so erzählte er mir, die mathematischen Aspekte der Gesellschaft anzupacken: ihre Eigenschaften, ihre Entwicklung, ihre Veränderungen und so weiter zu untersuchen. „Ist das denn möglich?“ fragte ich erstaunt. Danny zuckte die Achseln. „Vielleicht können wir einen Anfang machen.“ Ich sagte: „Aber das ist doch Psychohistorie.“ „Ich weiß“, sagte er.
Ist es möglich, dass sich die Psychohistorie schließlich doch als die Zukunft des Futurismus erweisen sollte? Wird die Zeit wirklich kommen (wie ich das 1941 beiläufig geträumt hatte), in der es möglich sein wird zu verstehen, was große Menschenmengen dazu bringt, sich so zu verhalten, wie sie es tatsächlich tun? Wird es möglich sein, Einsichten in mögliche Alternativen zu gewinnen? Wird man wissen, welche Veränderungen herbeigeführt werden müssen, um eine andere, wünschenswertere Zukunft zu verwirklichen, und wie das auf die effizienteste, schnellste und billigste Art zu schaffen ist?
Wenn meine Ahnung sich als richtig erweist, würde das bedeuten, dass all diese Veränderungen der Entwicklungen der Gesellschaft auf der Suche nach einer erfolgreicheren Jagd nach dem Glück durchgeführt werden können, ohne den freien Willen des Individuums zu beeinträchtigen?
Ist das aber nicht elitäres Denken? Ist es falsch und überholt, die Zukunft planen zu wollen?
Wenn es das ist, haben wir uns alle sowieso auf diesem Gebiet schuldig gemacht. Alle Regierungen versuchen, die Zukunft zu lenken, ebenso alle Generäle, Unternehmensleitungen, alle Eltern – alle Menschen. Sie ebenso. Niemand will wirklich im Dunkeln herumstolpern.
Die Schwierigkeit ist nur, dass wir zurzeit so wenig darüber wissen, was Menschen und damit die Gesellschaft bewegt, dass wir alle, von den einzelnen Menschen bis zu den Regierungen, uns nur ständig blind vortasten, obwohl wir dass nicht wollen. Es könnte sein, dass mit der Psychohistorie die Zeit kommen wird – wenn wir genau das tun, was wir zurzeit zu tun versuchen: eine wünschenswerte Zukunft herbeizuführen –, da uns das tatsächlich gelingen wird".

Aus Isaac Asimow: „Veränderung! 71 Aspekte der Zukunft. S. 9-11, 1983.
Heyne-Buch Nr. 01/7223 im Wilhelm Heyne Verlag, München. Alle Rechte liegen beim Verlag!

Porträt bei planet-wissen
Isaac Asimow

Futuredocs Kommentar:
Abgesehen davon, dass die Verbindungen zwischen Science-Fiction und Zukunftsforschung bekanntermaßen sehr stark sind, man denke beispielsweise an Bruce Sterlings „Tomorrow now – Envisioning the next 50 years“ oder Thomas M. Dischs „The dreams our stuff is made off – How Science Fiction conquered the world“ (beide meines Wissens bisher nur in englischer Sprache zu haben), beschreibt Asimow doch etliche Aspekte, die an die moderne Verhaltensforschung erinnern. Spontan fiel mir in dem Zusammenhang auch die Forschungsrichtung Behavioral Finance ein.

Ergänzung (18.05.2013): Mittlerweile gibt es einen weiteren Aspekt, der zu dem Thema passt und unter dem Titel "Big Data" adressiert wird;  z.B. in folgendem Artikel im Spiegel: Leben nach Zahlen. Dort wird auf den Film Minority Report Bezug genommen, in dem es eine Polizeieinheit gibt, die "Precrime" heißt und Verbrechen verhindern soll bevor sie begangen werden. In der realen Welt wird von "Predictice Policing" gesprochen. Der Film basiert übrigens auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick: Der Minderheiten-Bericht.

Ergänzung (03.03.2015): Mittlerweile gibt es auch einen Artikel von Wired zu dem Thema: http://www.wired.com/2013/04/cliodynamics-peter-turchin/all/ Und auch bei Technology Review: http://www.heise.de/tr/artikel/Damit-sollten-Sie-rechnen-2557820.html

Hier ein paar Beispiele, wie viele Daten po Minute anfallen: https://www.domo.com/blog/how-much-data-is-created-every-minute/

Lernen von der Science Fiction

 

 

Gute Dokumentation über Philip K. Dick bei Arte: https://www.arte.tv/de/videos/051147-000-A/philip-k-dick-und-wie-er-die-welt-sah/